«Ich sehe Genossenschaften als Chance, als Gegenpol zum Mainstream»
Donnerstag, 25. Juni 2026
Im Interview blickt der scheidende Geschäftsführer Marco Stella zurück auf Schwierigkeiten und Highlights und wünscht seinem Nachfolger Michael Nötzli Geduld und Verständnis in der Zusammenarbeit.
Dieser kann auf vielfältige genossenschaftliche Erfahrungen zurückgreifen – nicht zuletzt bei der bahoge. Er sieht Genossenschaften als Chance und erachtet Empathie, Respekt und Toleranz als wichtige Grundwerte, die es zu bewahren gilt.
Marco Stella, wenn du auf deine Zeit bei der bahoge zurückblickst, welcher Moment ist dir besonders in Erinnerung?
Spontan kommt mir der Abschluss des Landkaufvertrags in Elsau im Jahr 2019 in den Sinn, wo heute die Riethöfe entstehen. Nach mehreren Jahren und vielen erfolglosen Bieterverfahren konnte die bahoge endlich wieder Land erwerben. In besonderer Erinnerung bleibt mir die spätere Unterzeichnung eines Nachtrags auf dem Notariat. Die Beteiligten der Gemeinde Elsau, der Kiko und wir von der bahoge trugen wegen der Covid-Pandemie vermutlich alle zum ersten Mal Gesichtsmasken. Das fühlte sich damals noch sehr ungewohnt an und dürfte deshalb allen in Erinnerung geblieben sein.
Worauf bist du mit Blick auf die Entwicklung der bahoge besonders stolz?
Zu Beginn meiner Anstellung galt es, die bahoge innerhalb weniger Monate in eine selbstständige Geschäftsstelle zu überführen. Zuvor war sie jahrzehntelang im Mandat von einer nahestehenden Immobilienverwaltung betreut worden. Wir mussten Büroräume einrichten, Mitarbeitende gewinnen und eine funktionierende IT aufbauen. Dass uns dies gelungen ist und wir die Organisation danach laufend weiterentwickeln konnten, erfüllt mich rückblickend mit Stolz. Es war eine erste wichtige Teamleistung.
Was war für dich besonders anspruchsvoll, und was hast du daraus mitgenommen?
Besonders anspruchsvoll waren Projekte, die für die Bewohnerinnen und Bewohner einschneidende Veränderungen mit sich brachten, vor allem umfassende Bauprojekte. Aus individueller Sicht kommen solche Veränderungen oft zu einem ungünstigen Zeitpunkt, aus Sicht der Genossenschaft sind sie im Rahmen einer langfristigen Strategie jedoch notwendig und richtig. Ich habe daraus mitgenommen, wie wichtig es ist, die langfristigen Ziele verständlich zu erklären und gleichzeitig die persönliche Situation der Betroffenen ernst zu nehmen.
Was wünschst du der bahoge und dem neuen Geschäftsführer für die kommenden Jahre?
Ich wünsche allen Beteiligten Geduld und gegenseitiges Verständnis in der Zusammenarbeit. Die bahoge muss sich weiterentwickeln, um für kommende Generationen gute Antworten auf wohnbaupolitische Herausforderungen geben zu können. Das ist mit viel Arbeit, gelegentlichen Rückschlägen und mitunter auch Gegenwind verbunden. Dafür braucht es eine sachorientierte Konfliktfähigkeit, die unterschiedliche Sichtweisen zulässt und dennoch gemeinsame Lösungen ermöglicht.
Michael Nötzli, was hat dich an der Aufgabe als Geschäftsführer der bahoge besonders angesprochen?
In meiner Zeit als Projektleiter Bau bei der bahoge ist mir die Genossenschaft sehr ans Herz gewachsen. Besonders beeindruckt mich, dass die bahoge ihren Idealen stets treu geblieben ist und der gewerkschaftliche Gedanke, der bereits bei der Gründung prägend war, bis heute gelebt wird. Durch die Erweiterung und Erneuerung ihrer Liegenschaften leistet sie einen wichtigen Beitrag zur Schaffung von mehr bezahlbarem Wohnraum. Nun in der Rolle als Geschäftsführer zurückzukehren und gemeinsam mit einem engagierten Team Verantwortung für eine solche Genossenschaft zu übernehmen, empfinde ich als grosses Privileg.
Welche Erfahrungen bringst du mit, die dir für diese Aufgabe besonders hilfreich erscheinen?
Als Geschäftsführer der Genossenschaft Neubühl war ich die letzten fünf Jahre für die operative Leitung der Genossenschaft verantwortlich. In einem kleinen Team bedeutet das, sowohl in der Bewirtschaftung als auch in der Finanzplanung und Buchhaltung bis hin zur Sozialberatung persönlich eingebunden zu sein. Diese Erfahrungen, aber auch solche aus früheren Tätigkeiten im Holzbau und in der Architektur, bilden aus meiner Sicht eine wertvolle Grundlage für meine neue Aufgabe bei der bahoge.
Was bedeutet Genossenschaft für dich persönlich?
Das genossenschaftliche Zusammenleben begleitet mich seit meiner Kindheit; ich bin in einer kleinen Baugenossenschaft aufgewachsen. Mit meiner Frau und meinen beiden Töchtern lebe ich seit vierzehn Jahren in der Familienheim-Genossenschaft Zürich, wo wir uns aktiv im genossenschaftlichen Leben engagieren.
Dank Franz Cahannes, dem früheren bahoge-Präsidenten, entstand zudem der Kontakt zur Genossenschaft Hobel, bei der ich seine Nachfolge als Präsident antreten durfte. Genossenschaft ist ein zentraler Bestandteil meiner Arbeit, meines nebenberuflichen Engagements und meines Lebens.
Was ist dir in der Zusammenarbeit mit Vorstand, Mitarbeitenden und Mitgliedern besonders wichtig?
Ein wertschätzender und konstruktiver Umgang ist für mich zentral, ebenso wie fundierte Entscheidungen mit Blick auf Gesellschaft, Branche und die bahoge als gesamte Organisation. Gerade in einer Welt, in der Empathie, Respekt und Toleranz unter Druck geraten, sehe ich in der Genossenschaft die Chance, bewusst einen Gegenpol zu diesen Tendenzen zu bilden. In meiner alltäglichen Arbeit möchte ich einen Beitrag dazu leisten.
Michael Nötzli arbeitete von 2019 bis 2021 als Projektleiter Bau bei der bahoge und kennt die bahoge, ihre Werte sowie einige Mitarbeitende bereits gut. 2021 wechselte er als Geschäftsführer zur Baugenossenschaft Neubühl und konnte dort weitere wertvolle Erfahrungen in verschiedenen Bereichen einer Wohnbaugenossenschaft sammeln.
Im Bewerbungsverfahren überzeugte er den Vorstand mit seiner breiten fachlichen Erfahrung im gemeinnützigen Wohnungsbau, seiner genossenschaftlichen Verankerung sowie seiner ruhigen, überlegten Art. Michael Nötzli verfügt über einen Abschluss als eidg. dipl. Immobilientreuhänder, ein Architekturstudium sowie einen Hintergrund im Holzbau. Neben seiner beruflichen Tätigkeit engagiert er sich seit Jahren in verschiedenen genossenschaftlichen und sozialen Bereichen.
«Ich sehe Genossenschaften als Chance, als Gegenpol zum Mainstream»
Donnerstag, 25. Juni 2026
Im Interview blickt der scheidende Geschäftsführer Marco Stella zurück auf Schwierigkeiten und Highlights und wünscht seinem Nachfolger Michael Nötzli Geduld und Verständnis in der Zusammenarbeit.
Dieser kann auf vielfältige genossenschaftliche Erfahrungen zurückgreifen – nicht zuletzt bei der bahoge. Er sieht Genossenschaften als Chance und erachtet Empathie, Respekt und Toleranz als wichtige Grundwerte, die es zu bewahren gilt.
Marco Stella, wenn du auf deine Zeit bei der bahoge zurückblickst, welcher Moment ist dir besonders in Erinnerung?
Spontan kommt mir der Abschluss des Landkaufvertrags in Elsau im Jahr 2019 in den Sinn, wo heute die Riethöfe entstehen. Nach mehreren Jahren und vielen erfolglosen Bieterverfahren konnte die bahoge endlich wieder Land erwerben. In besonderer Erinnerung bleibt mir die spätere Unterzeichnung eines Nachtrags auf dem Notariat. Die Beteiligten der Gemeinde Elsau, der Kiko und wir von der bahoge trugen wegen der Covid-Pandemie vermutlich alle zum ersten Mal Gesichtsmasken. Das fühlte sich damals noch sehr ungewohnt an und dürfte deshalb allen in Erinnerung geblieben sein.
Worauf bist du mit Blick auf die Entwicklung der bahoge besonders stolz?
Zu Beginn meiner Anstellung galt es, die bahoge innerhalb weniger Monate in eine selbstständige Geschäftsstelle zu überführen. Zuvor war sie jahrzehntelang im Mandat von einer nahestehenden Immobilienverwaltung betreut worden. Wir mussten Büroräume einrichten, Mitarbeitende gewinnen und eine funktionierende IT aufbauen. Dass uns dies gelungen ist und wir die Organisation danach laufend weiterentwickeln konnten, erfüllt mich rückblickend mit Stolz. Es war eine erste wichtige Teamleistung.
Was war für dich besonders anspruchsvoll, und was hast du daraus mitgenommen?
Besonders anspruchsvoll waren Projekte, die für die Bewohnerinnen und Bewohner einschneidende Veränderungen mit sich brachten, vor allem umfassende Bauprojekte. Aus individueller Sicht kommen solche Veränderungen oft zu einem ungünstigen Zeitpunkt, aus Sicht der Genossenschaft sind sie im Rahmen einer langfristigen Strategie jedoch notwendig und richtig. Ich habe daraus mitgenommen, wie wichtig es ist, die langfristigen Ziele verständlich zu erklären und gleichzeitig die persönliche Situation der Betroffenen ernst zu nehmen.
Was wünschst du der bahoge und dem neuen Geschäftsführer für die kommenden Jahre?
Ich wünsche allen Beteiligten Geduld und gegenseitiges Verständnis in der Zusammenarbeit. Die bahoge muss sich weiterentwickeln, um für kommende Generationen gute Antworten auf wohnbaupolitische Herausforderungen geben zu können. Das ist mit viel Arbeit, gelegentlichen Rückschlägen und mitunter auch Gegenwind verbunden. Dafür braucht es eine sachorientierte Konfliktfähigkeit, die unterschiedliche Sichtweisen zulässt und dennoch gemeinsame Lösungen ermöglicht.
Michael Nötzli, was hat dich an der Aufgabe als Geschäftsführer der bahoge besonders angesprochen?
In meiner Zeit als Projektleiter Bau bei der bahoge ist mir die Genossenschaft sehr ans Herz gewachsen. Besonders beeindruckt mich, dass die bahoge ihren Idealen stets treu geblieben ist und der gewerkschaftliche Gedanke, der bereits bei der Gründung prägend war, bis heute gelebt wird. Durch die Erweiterung und Erneuerung ihrer Liegenschaften leistet sie einen wichtigen Beitrag zur Schaffung von mehr bezahlbarem Wohnraum. Nun in der Rolle als Geschäftsführer zurückzukehren und gemeinsam mit einem engagierten Team Verantwortung für eine solche Genossenschaft zu übernehmen, empfinde ich als grosses Privileg.
Welche Erfahrungen bringst du mit, die dir für diese Aufgabe besonders hilfreich erscheinen?
Als Geschäftsführer der Genossenschaft Neubühl war ich die letzten fünf Jahre für die operative Leitung der Genossenschaft verantwortlich. In einem kleinen Team bedeutet das, sowohl in der Bewirtschaftung als auch in der Finanzplanung und Buchhaltung bis hin zur Sozialberatung persönlich eingebunden zu sein. Diese Erfahrungen, aber auch solche aus früheren Tätigkeiten im Holzbau und in der Architektur, bilden aus meiner Sicht eine wertvolle Grundlage für meine neue Aufgabe bei der bahoge.
Was bedeutet Genossenschaft für dich persönlich?
Das genossenschaftliche Zusammenleben begleitet mich seit meiner Kindheit; ich bin in einer kleinen Baugenossenschaft aufgewachsen. Mit meiner Frau und meinen beiden Töchtern lebe ich seit vierzehn Jahren in der Familienheim-Genossenschaft Zürich, wo wir uns aktiv im genossenschaftlichen Leben engagieren.
Dank Franz Cahannes, dem früheren bahoge-Präsidenten, entstand zudem der Kontakt zur Genossenschaft Hobel, bei der ich seine Nachfolge als Präsident antreten durfte. Genossenschaft ist ein zentraler Bestandteil meiner Arbeit, meines nebenberuflichen Engagements und meines Lebens.
Was ist dir in der Zusammenarbeit mit Vorstand, Mitarbeitenden und Mitgliedern besonders wichtig?
Ein wertschätzender und konstruktiver Umgang ist für mich zentral, ebenso wie fundierte Entscheidungen mit Blick auf Gesellschaft, Branche und die bahoge als gesamte Organisation. Gerade in einer Welt, in der Empathie, Respekt und Toleranz unter Druck geraten, sehe ich in der Genossenschaft die Chance, bewusst einen Gegenpol zu diesen Tendenzen zu bilden. In meiner alltäglichen Arbeit möchte ich einen Beitrag dazu leisten.
Michael Nötzli arbeitete von 2019 bis 2021 als Projektleiter Bau bei der bahoge und kennt die bahoge, ihre Werte sowie einige Mitarbeitende bereits gut. 2021 wechselte er als Geschäftsführer zur Baugenossenschaft Neubühl und konnte dort weitere wertvolle Erfahrungen in verschiedenen Bereichen einer Wohnbaugenossenschaft sammeln.
Im Bewerbungsverfahren überzeugte er den Vorstand mit seiner breiten fachlichen Erfahrung im gemeinnützigen Wohnungsbau, seiner genossenschaftlichen Verankerung sowie seiner ruhigen, überlegten Art. Michael Nötzli verfügt über einen Abschluss als eidg. dipl. Immobilientreuhänder, ein Architekturstudium sowie einen Hintergrund im Holzbau. Neben seiner beruflichen Tätigkeit engagiert er sich seit Jahren in verschiedenen genossenschaftlichen und sozialen Bereichen.